Viel mehr als Tropfen und Spritzer – die Blutspurenmusteranalyse

27. November 2020 • Artikelserie Kriminaltechnik & Forensik

Über das Sichtbarmachen von „versteckten“ Blutspuren haben wir im letzten Artikel gesprochen. Ob ver-steckt oder nicht. Jetzt folgt die Interpretation. Blutspuren sagen nämlich nicht nur, dass eine Tat stattge-funden hat, sondern geben auch Informationen darüber wie. Zur Rekonstruktion des Tathergangs können Blutspuren daher bedeutende Hinweise liefern. Aus welcher Position hat der Täter agiert? Wo hat sich das Opfer derweil befunden? Was könnte die Tatwaffe sein? All das und mehr kann die Blutspurenmusteranalyse zeigen. Eine Einführung in die Analyse und in die Vielfalt der Blutspuren gibt’s hier.

 

Blut. Manche fallen in Ohnmacht, wenn sie es sehen. Manchen wird bei einem Schnitt in den Finger schon ganz flau im Magen und manche wiederum schauen ganz gezielt hin. Und das nicht nur einmal. Die Rede ist von Blutspurenexperten, deren Aufgabe es ist, jeden noch so kleinen Spritzer am Tatort genaustens unter die Lupe zu nehmen. Spätestens seit Dexter, der US-amerikanischen Krimi-/Dramaserie über den Serienkiller Dexter Morgan, der tagsüber bei der Polizei als „blood spatter analyst“ arbeitet, ist die Blutspurenanalyse als forensische Disziplin auch unter Nichtexperten bekannt.

 

Was ist das genau?

Die Blutspurenmusteranalyse (kurz BPA = engl. Bloodstain Pattern Analysis) beschäftigt sich mit den Formen, der Verteilung, Einordnung und Interpretation von tatrelevanten Blutspuren. Sie geht der Frage nach, wie Blut sich im Raum bewegt haben muss, um die speziellen am Tatort vorgefundenen Muster zu hinterlassen. Die Blutspurenmusteranalyse basiert auf physikalisch-naturwissenschaftlichen Prinzipien, insbesondere der Flüssigkeitsphysik und Mechanik, und wird zur Klärung verschiedenster forensischer Fragestellungen benutzt. Wie war der Tathergang? War es ein Unfall oder Tötung? Stimmen die Aussagen von Tatbeteiligten mit den Gegebenheiten vor Ort überein? Zudem können BPA-Experten auch Bereiche abgrenzen, in denen sich der Täter mit hoher Wahrscheinlichkeit bewegt hat, um die Suche nach DNA-Spuren zu beschleunigen.

 

Geschichte

Analysen zur Form und Verteilung von Blutspuren gibt es schon seit über 120 Jahren. Der Krakauer Arzt Eduard Piotrowski veröffentlichte 1895 eine Studie, in der er mittels Einschlagen auf Kaninchenschädel die Entstehung, Form, Richtung und Ausbreitung von Blutspuren untersuchte. Daraus ging z. B. hervor, dass Blutspuren häufig erst bei einem zweiten Schlag entstehen, eine Blutungsquelle vorher also schon vorhanden sein muss.

 

In den frühen 1980er Jahren wurde die BPA immer häufiger in den USA angewandt. 1983 gründete sich dort dann die International Association of Bloodstain Pattern Analysts (IABPA), die sich mit der Förderung und Ausbildung von Blutspurenanalysten befasst. In Deutschland gibt es innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin seit 2005 eine entsprechende Arbeitsgruppe. Zudem wurde 2007 das Blutspureninstitut gegründet, welches im Auftrag von Polizeien, Staatsanwaltschaften und Gerichten Gutachten zur BPA erstellt sowie regelmäßig Weiterbildungen zur BPA gibt.

 

Biophysikalische Eigenschaften von Blut

Zum besseren Verständnis folgt eine kurze Erklärung der für die BPA wesentlichen Basiseigenschaften von Blut: Viskosität, Oberflächenspannung und Adhäsionsfähigkeit.

  • Dass Blut anders als Wasser fließt, ist klar. Blut fließt zäher und ist dickflüssiger als Wasser. Diese Zähflüssigkeit wird auch als Viskosität bezeichnet. Die Viskosität ist ein Maß für die Zähflüssigkeit einer Flüssigkeit bzw. eines Fluids. Je höher die Viskosität, desto dickflüssiger und weniger fließfähig ist die Flüssigkeit. Und entsprechend andersherum: Je niedriger die Viskosität, desto fließfähiger sind Flüssigkeiten. Die Teilchen in zähen Flüssigkeiten sind stärker aneinandergebunden und demnach unbeweglicher. Die Viskosität von Blut bleibt aber nicht immer konstant, weswegen Blut zu den nichtsnewtonschen Flüssigkeiten gehört. Anders als Wasser oder Öl weist Blut eine belastungsabhängige Fließfähigkeit auf. Wirkt eine Kraft auf eine nichtnewtonsche Flüssigkeit verhält sich die Viskosität nicht linear, sondern abhängig von der Kraft.

  • Nur beim Abtropfen von einem Gegenstand haben Flüssigkeiten eine Tropfenform. Sobald sie in der Luft sind, bewegen sie sich als Kugel. Bild: Katharina Rieger
    Eine weitere relevante Eigenschaft ist die Oberflächen-spannung. Sie resultiert aus Kohäsionskräften (zwischen Teilchen wirkende Kräfte) und beschreibt die Eigenschaft der Oberfläche zwischen einer Flüssigkeit und ihrer Umgebung. Flüssigkeiten verfolgen das Bestreben ihre Oberfläche so klein wie möglich zu halten. Daher bewegen sich Flüssigkeiten in der Luft ohne Einwirkung von anderen Kräften auch als Kugel und nicht, wie oft in Zeichnungen dargestellt, in Tropfenform.

  • Als Adhäsionsfähigkeit oder Adhäsionskraft beschreibt man den physikalisch-mechanischen Zusammenhalt zweier Oberflächen bzw. die „Klebrigkeit“ von Blut. Selbst geringe Mengen Blut besitzen eine sehr gute Übertragungsfähigkeit von einem Gegenstand auf den anderen.

Wenn nun eine Kraft auf Blut einwirkt, beispielsweise durch einen Schlag auf eine Wunde, werden Viskosität und Oberflächenspannung überwunden, sodass kleine Einzeltropfen entstehen. Je höher die Energie ist, desto eher wird die Oberflächenspannung überwunden und desto kleiner werden die Blutspritzer ausfallen. Auf die fliegenden Blutspritzer wirken wiederum äußere Kräfte wie Luftwiderstand und Gravitation.

 

Einblick in die verschiedenen Blutspurenmuster

Es gibt viele verschiedene Arten von Blutspuren, die sich in drei Basiskategorien unterteilen lassen:

 

1.  Passive Spuren

2. Transferspuren und projizierte Spuren

3. Sonstige

 

Damit du einen Einblick bekommst, definiere ich im Folgenden einige Blutspurenmuster genauer:

 

Passive Spuren

Die erste Kategorie umfasst Blutspuren, die aufgrund der Schwerkraft entstehen. Darunter fallen z. B.

  • Tropfspuren
Tropfspuren mit zahnförmigen Rändern. Bild: pixabay, bearbeitet K.R

Tropfspuren entstehen, wenn Blut aus dem Körper nach außen tritt und es ausschließlich der Schwerkraft unterliegt, d.h. von keinen Körperbewegungen beeinflusst wird. Steht das Opfer beispielsweise aufrecht, kommt es zu einem Abtropfen von Blut auf den Boden oder anderen entsprechenden Oberflächen. Erfolgt das Abtropfen in einem rechten Winkel,  entstehen dabei kreisrunde Spuren, die je nach Oberfläche einen scharfen Rand oder feine, zahnförmige Ausläufer besitzen. 

 

Generell kann der Auftreffwinkel der Spuren bestimmt werden. Je schräger der Winkel, desto lang gestreckter wird die Blutspur, von ellipsenförmig bis ausrufezeichenförmig. Misst man dann die Breite und Länge dieser Spuren, kann man durch Winkelfunktionen den Winkel bestimmen, in dem die Spur aufgetragen worden sein muss.

 

Apropos Tropfen: Werden Flüssigkeiten in Bewegung in der Luft gezeichnet, wird dies oft in Tropfenform getan. Tatsächlich ist das aber falsch. Nur beim Abtropfen von einem Gegenstand haben Flüssigkeiten eine Tropfenform. Sobald sie in der Luft sind, bewegen sie sich als Kugel.

  • Fließspuren

Bei diesen passiv entstehenden Spuren fließt das Blut schwerkraftbedingt aus Verletzungen heraus und erstreckt sich über die Opferposition und die jeweiligen Oberflächen.

  • Poolspuren (Lachen)

Aus Fließspuren können sogenannte Poolspuren oder Blutlachen entstehen, wenn viel Blut abläuft und sich auf einer größeren Fläche verteilt.

 

Transferspuren

  • Kontaktspur in Form eines Handabdruckes. Bild: pixabay
    Transfer- oder Kontaktspuren entstehen, wenn eine blutige Oberfläche mit einer anderen Oberfläche in Kontakt kommt und Blut dabei übertragen wird. Solche Spuren können Aufschluss über Bewegungen oder  Kontaktgegenstände geben. Schuhsohlabdrücke beispielsweise bilden eine häufig aufzufindende Kontaktspur sowie auch Hand-, Finger- und Unterarmabdrücke. Auch Werkzeuge, die eventuell als Tatwaffe verwendet wurden, können charakteristische Kontaktspuren hinterlassen.

  •  Wischspuren

Wischspuren entstehen durch das Bewegen eines Objektes auf einer bebluteten Oberfläche. Man unterscheidet zwischen primären Wischspuren (Objekt mit Blut kontaminiert) und sekundären Wischspuren (nicht mit Blut kontaminiertes Objekt).

 

Projizierte Blutspuren

Projizierte Blutspuren entstehen, wenn Blut unter Druck auf Oberflächen aufgetragen wird bzw. einer Kraft ausgesetzt wird, die größer als die Schwerkraft ist.

  • Arterielle Spuren

Sind Arterien (Blutgefäße, die Blut vom Herzen wegführen) verletzt oder durchtrennt, können charakteristische Muster an Oberflächen entstehen. Das Blut unterliegt hier nicht nur der Schwerkraft, sondern auch dem Blutdruck. Diese Spuren können aus einem größeren Blutschwall oder aus kleineren feineren Spritzern bestehen.

  • Schleuderspuren

Schleuderspuren, im englischen auch „cast off“ genannt, entstehen durch die Beschleunigung eines blutigen Objektes, z. B. einer Schlag- oder Stichwaffe. Die Spuren kommen durch die schnelle Ausholbewegung und dem Abbremsen am Ende der Bewegung zustande. In der Regel findet man Schleuderspuren linear in einem flacher werdenden Winkel an der Decke oder höheren Wandregionen. Schleuderspuren können u. a. Rückschlüsse über die Position von Täter und Opfer, der Tatwaffe und der Ausführungsintensität geben.

  • Aufschlag-/Auftreffspuren

Aufschlagspuren oder „spatter“ entstehen meist durch stumpfe Gewalteinwirkung auf ein Objekt. Dabei unterscheidet man Vorwärts- (in Richtung der Gewalt) und Rückwärtsspritzer (in Gegenrichtung). Zudem werden Aufschlagspuren in unterschiedliche Geschwindigkeitsbereiche eingeteilt. Je höher der Geschwindigkeitsbereich, desto feiner sind die Spuren.

 

Zeichnung zur Darstellung von Schleuderspuren und Aufschlagspuren. Bild: Katharina Rieger

Sonstige

In diese Kategorie fallen sämtliche weitere Spuren darunter z. B. verdünnte Blutspuren, Blutkoagel (Blutblase, Blutgerinnsel) oder die Spurenübertragung durch Insekten.

 

Am Tatort

Die Arbeit am Tatort umfasst die Begutachtung und Kategorisierung der Spuren sowie die Zuordnung zu möglichen Entstehungsursachen. Neben einer schriftlichen Dokumentation ist dabei auch eine ausführliche Fotodokumentation von sehr hoher Bedeutung. Die Aufnahmen sind grundsätzlich immer mit einem Maßstab durchzuführen, damit die Größe der Spuren im Verhältnis zum Raum und Gegenständen im Raum deutlich werden.

 

Danach folgt eine vorsichtige Erstinterpretation des gesamten Spurenmusters auf einen möglichen Tathergang. Da unterschiedliche Entstehungsmechanismen oft ähnliche Blutspurenmuster verursachen, ist eine abschließende Beurteilung erst im Zusammenhang mit den Obduktionsbefunden und dem Abgleich von Täter- und Zeugenaussagen möglich.

 

Einschränkungen

Die Blutspurenmusteranalyse kann zur Rekonstruktion des Tathergangs wichtige Hinweise liefern und bei speziellen Fragestellungen hilfreich sein. Ihre Ergebnisse sind jedoch auch immer kritisch zu hinterfragen und im Gesamtkontext einzuordnen. Außerdem wird es trotz diverser Methoden immer noch einige Tatdetails geben, die ungeklärt bleiben. Mit der BPA kann beispielsweise nicht geklärt werden, in welcher Reihenfolge blutende Verletzungen zugeführt wurden oder wie viele Schläge letztendlich stattgefunden haben.

 

Kurz und Knapp

  • Die Blutspurenmusteranalyse (BPA) kann wichtige Hinweise bspw. über den Tathergang, die Tatwafffe und die Positionen von Täter und Opfer liefern.
  • Erste Ansätze zur BPA gab es bereits 1895.
    • 1983 gründete sich in den USA die International Association of Bloodstain Pattern Analysts (IABPA).
    • In Deutschland gibt es seit 2007 das Blutspureninstitut.
  • Die für die BPA wesentlichen Basiseigenschaften von Blut sind: Viskosität, Oberflächenspannung und Adhäsionsfähigkeit.
  • Es gibt drei Kategorien, in die sich Blutspuren einordnen lassen:
    • Passive Spuren: z. B. Tropfspuren, Fließspuren, Poolspuren
    • Transferspuren und projizerte Spuren: z. B. Kontaktspuren, Arterielle Spuren, Schleuderspuren, Aufschlagspuren  
    • Sonstige: z. B. Blutkoagel
  • Eine Fotodokumentation der Blutspuren am Tatort ist unerlässlich und immer mit einem Maßstab durchzuführen.
  • Die Interpretation von Blutspurenmustern sowie eine mögliche Rekonstruktion des Tatablaufs sind erst im Zusammenhang mit den Obduktionsbefunden und im Abgleich mit Tätereinlassung und Zeugenaussagen möglich.

Blut verrät eben weitaus mehr als man denkt! Und was denkst du?

 

Bleib sicher und neugierig!

– Kathy

Titelbild: pixabay

 

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